Autor Thema: Enttäuschungen Nationalparkverwaltung Harz  (Gelesen 22831 mal)

playjam

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Re: Enttäuschungen Nationalparkverwaltung Harz
« Antwort #75 am: Dezember 02, 2016, 04:16:55 Nachmittag »
In meiner Heimatstadt gibt es einen Park, der sieht so aus:



Es ist schon ziemlich krank, wenn eine Nationalparkverwaltung mit dem Anspruch möglichst wenig in die Natur einzugreifen, es nicht schafft, dass das Wild so entspannt herumsitzen kann wie in der größten Stadt der EU des erweiterten europäischen Raumes.

Olaschir

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Re: Enttäuschungen Nationalparkverwaltung Harz
« Antwort #76 am: Dezember 05, 2016, 02:24:31 Nachmittag »
Das Bild ist aber auch krank.
Ist ja eher ein Zoo.
650Stück Rot/Dammwild auf 10qkm, da fehlt ein Rudel Isegrim.

playjam

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Re: Enttäuschungen Nationalparkverwaltung Harz
« Antwort #77 am: Dezember 05, 2016, 02:49:14 Nachmittag »
[...]
Ist ja eher ein Zoo.
[...]

Eher nicht, sondern ein Park... Nationalpark Harz, Richmond Park.


Olaschir

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Re: Enttäuschungen Nationalparkverwaltung Harz
« Antwort #78 am: Dezember 05, 2016, 03:53:49 Nachmittag »
Ok, wenn man das mit dem "Park" liest.
Für mich ist ein Nationalpark ein Naturschutzgebiet.
Ein (Stadt-) Park ist für mich eher ein großer Garten. Und das hat nix damit zu tun, das man die Natur möglichst unberührt läßt, wie im Naturschutzgebiet.

playjam

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Re: Enttäuschungen Nationalparkverwaltung Harz
« Antwort #79 am: Dezember 05, 2016, 04:53:20 Nachmittag »
Richmond Park wurde im 17Jhdt als Jagd-Review für den König eingezäunt. Die Landschaft ist durch die seit Jahrhunderten dort lebenden Tiere geprägt und seit der Jahrhundertwende Naturschutzgebiet.

Wenn man das Nationalparkgesetz durchliest, da stößt man auf den Bildungs und touristischen Auftrag, welches den Nationalpark Harz von einem reinen Naturschutzgebiet unterscheidet. Der Harz war vor dem Nationalpark bereits ein Naturschutzgebiet und man hätte keine Nationalparkverwaltung benötigt, um die Natur zu schützen. Man sollte nicht vergessen, dass die Nationalparkgründer vor allem mit dem Versprechen angetreten sind, die Bevölkerung im Harz werde wegen des Nationalparks von einer Steigerung des Tourismus profitieren.

Die gesetzlich festgelegten Ziele des Nationalparks Harz werden offensichtlich nur zum Teil von der Nationalparkverwaltung berücksichtigt. Ein Teil der Verantwortung wird vermutlich auch deswegen verschwiegen, weil die Besucherzahlen im Vergleich zu anderen Nationalparks blamabel sind. Daher auch die Kritik von Herrn Dr. Barth.

Den Vorschlag von Herrn Dr. Barth, ca. 1600ha Nationalpark um die Nationalparkstädte als Jagdfreie Zone zu erklären, finde ich interessant. Luchsgehege und Wildfütterungsstellen machen aus dem Nationalpark Harz noch lange keinen Garten oder Zoo.

Harzwinter

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Re: Enttäuschungen Nationalparkverwaltung Harz
« Antwort #80 am: Dezember 05, 2016, 06:28:35 Nachmittag »
Hier zum Thema ein bissiger und gut recherchierter Siebenseiter von Franz-Josef Adrian, einem bloggenden Biologielehrer und Waldschutzaktivisten aus Bottrop: "Vom Versagen der Jagd im Nationalpark Harz." Leider wird Herr Adrian an solchen Themen wegen eines schweren Unfalls im Sommer 2016 nicht mehr weiter arbeiten können.

Franz-Josef Adrian argumentiert im Blog, dass forstliche Kahlschläge zur Borkenkäferbekämpfung des NP Harz zum Anstieg des Rothirschbestandes geführt haben - Rothirsche lieben Freiflächen. Das Rotwild dezimiert im Harz durch Verbiss in großem Ausmaß mit Vorliebe genau diejenigen Jungbäume, mit denen der NP Harz den Waldumbau gestalten möchte. Aus diesem Grund organisiert der NP Harz mittlerweile eine Art jagdlichen "Volkssturm", um der ausufernden Bestandszahlen wieder Herr zu werden - hunt as hunt can. Der NP steckt im Dilemma: Waldumbau durch Wildverbiss gefährdet -> schlechte Presse. Große Jagden mit unprofessionellem Erscheinungsbild im NP -> auch schlechte Presse. Herr Knolle wird sich etwas einfallen lassen müssen. Ich hoffe, dass Mitstreiter von Franz-Josef Adrian dessen Arbeit als Gegenpol zur Nationalpark-PR fortsetzen können.

playjam

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Re: Enttäuschungen Nationalparkverwaltung Harz
« Antwort #81 am: Dezember 05, 2016, 08:17:47 Nachmittag »
Hier zum Thema ein bissiger und gut recherchierter Siebenseiter von Franz-Josef Adrian, einem bloggenden Biologielehrer und Waldschutzaktivisten aus Bottrop: "Vom Versagen der Jagd im Nationalpark Harz." [...]

Danke für den Link. Kurzer Auszug:

Zitat
[...]
Jäger behaupten, schuld an den Wildschäden seien die vielen Besucher, die das Rotwild erschrecken, sodass es nicht auf die Wiesen zum Äsen kommt und stattdessen im Wald die Bäume verbeisst.
Richtig ist: „Das Rotwild wird … in die Wälder gelockt und gedrückt. Gedrückt, weil es scheu gemacht worden ist durch die lange Bejagung. Gelockt durch die Fütterungen gerade auch mit den Wintergattern“ (Reichholf, ebd.). Die Jagd hat aus einem tagaktiven Steppen- ein nachtaktives Waldtier gemacht (J. Reichholf, Ist die Einstellung der Jagd im Kanton Basel möglich und sinnvoll?, S. 3 f.; siehe auch das Video zu diesem Vortrag auf Youtube). Rothirsche sind nicht von Natur aus scheu (ebd. S. 5).
[...]
Jäger behaupten, die Jagd reguliere die Wildbestände.
Richtig ist: Man unterscheidet beim Wachstum von Populationen 3 Phasen:

1. die Verzögerungsphase, in der die Population nur minimal wächst,
2. die Wachstumsphase, in der die Population exponentiell ansteigt, und
3. die Stabilisierungsphase, in der die Population die Umweltkapazität ihres Lebensraum erreicht hat.

Die Hirschpopulation im Harz ist größer als die Hälfte der Umweltkapazität. Darunter versteht man diejenige Zahl an Hirschen, die der Harz ernähren kann. Die Population befindet sich im oberen Teil der Wachstumsphase oder am Anfang der Stabilisierungsphase (siehe Ist die Einstellung der Jagd …, S. 18). Die Abschüsse halten den Hirschbestand produktiv: Die Hirschpopulation stabilisiert sich nicht, sondern wird zurückversetzt in die Phase des exponentiellen Wachstums: „Jagd drückt produktive Bestände immer wieder in die Wachstumsphase.“ (ebd.) Die Hirsche bekommen wieder mehr Nachwuchs als in der Stabilisierungsphase. So werden die Abschüsse im Harz nicht nur kompensiert, sondern sogar überkompensiert: 2011 gibt es 5.000 Hirsche, 1.859 werden geschossen, 2012 gibt es 6.000 Hirsche usw. usf. Der Harz wird zur „Wildzuchtanlage für einen priveligierten Freizeitspaß“ und zur „Schießbude der Jäger“ (Frank Wittig, Kritik an der Jagd).
[...]

Harzwinter

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Re: Enttäuschungen Nationalparkverwaltung Harz
« Antwort #82 am: Dezember 06, 2016, 10:20:14 Vormittag »
Auch wenn der Beitrag von Herrn Adrian interessant zu lesen ist und einmal mehr die PR des NP Harz als irreführend enttarnt, ist doch eines festzuhalten: Eine kurz- bis mittelfristige Lösungsidee für das Problem Rotwild-Überpopulation und Jungbaumverbiss scheint Herr Adrian nicht einmal andenken zu wollen, wenn man mal vom Einstellen der Winterfütterung absieht. Und da sind wir dann wieder bei dem bei Umweltschützern häufig anzutreffenden Phänomen, dass zwar die Vorgehensweisen der selbstgewählten "Gegner" in der Luft zerrissen und ihre Argumentation bis ins letzte Detail widerlegt wird, aber keine eigene Strategie geliefert wird, wie man es besser machen könnte. Was außer kurz- bis mittelfristiger, massiver Ausdehnung der Rotwild-Bejagung sollte der NP Harz denn unternehmen, um seine Jungbäume vor der Vervielfachung ihrer Fressfeinde zu schützen? Natürlich ist das nicht gut fürs Image, aber eine Alternative sehe ich auch nicht. Ein Nationalpark ist in Deutschland eben meistens keine wirkliche "Natur", sondern nur ein anders tickendes Umweltorganisations-Artefakt, das Fehler begeht und neue Probleme generiert. Und so werden wir uns wohl an eine wachsende Zahl von Großjagden im NP Harz in den nächsten Jahren gewöhnen müssen. Es täte dem NP Harz gut, mit der Notwendigkeit massiver Rotwildbejagung ehrlich und offensiv umzugehen, um wenigstens die eigene Glaubwürdigkeit nicht zu gefährden.

playjam

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Re: Enttäuschungen Nationalparkverwaltung Harz
« Antwort #83 am: Dezember 06, 2016, 11:13:56 Vormittag »
[...] Eine kurz- bis mittelfristige Lösungsidee für das Problem Rotwild-Überpopulation und Jungbaumverbiss scheint Herr Adrian nicht einmal andenken zu wollen, wenn man mal vom Einstellen der Winterfütterung absieht. [...]

Ganz so ist es nun wieder auch nicht.

Herr Adrian ist der Überzeugung, dass die Population sich von selbst regelt, sobald sie die Umweltkapazität ihres Lebensraum erreicht hat. Er fordert die Einstellung der Jagd im Nationalpark Harz, wie es auch in anderen Nationalparks der Fall ist und funktioniert. Dieser Argumentation kann ich folgen, wenn der Anspruch ist, das der Nationalpark sich frei von menschlichen Einflüssen entwickeln soll.

Herr Barth vertritt hingegen die Überzeugung, dass die Natur im Harz menschliche Eingriffe benötigt. Er kritisiert, dass die Bejagung nicht (mehr) entsprechend der Strategie "gebärfähige weibliche Tiere zuerst" getötet werden. Ebenso fordert er eine Bekämpfung der Borkenkäfer. Dieser Argumentation kann ich folgen, wenn der Anspruch ist, das der Nationalpark sich nicht frei von menschlichen Einflüssen entwickeln soll.

Ich habe darauf hingewiesen, dass es in anderen Parks gelingt, das Wild so zu behandeln, dass diese nicht scheu geworden sind. (In Richmond Park wird die Population auch künstlich reguliert)

Usul

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Re: Enttäuschungen Nationalparkverwaltung Harz
« Antwort #84 am: Dezember 06, 2016, 11:35:59 Vormittag »
Damit sich ein ausgewogener Bestand entwickelt, der auch für den Wald verträglich ist, so dass dieser sich entwickeln kann, ist es aber wichtig, dass Prädatoren da sind.
Die paar Luchse werden es nicht schaffen. Vielleicht haben wir in 10 Jahren wieder Wölfe im Harz, dann könnte es klappen ;).

Harzwinter

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Re: Enttäuschungen Nationalparkverwaltung Harz
« Antwort #85 am: Dezember 06, 2016, 12:13:13 Nachmittag »
Er fordert die Einstellung der Jagd im Nationalpark Harz, wie es auch in anderen Nationalparks der Fall ist und funktioniert.

Das ist ja gerade das Problem - die meisten deutschen Nationalparke sind Entwicklungsnationalparke und keine Nationalparke, die eine im Gleichgewicht befindliche Natur konservieren. In Entwicklungsnationalparken nimmt der Faktor Mensch über seine jahrhundertelange forstliche und wirtschaftliche Nutzung der Landschaft ungewollt jahrzehntelang weiter Einfluss. In Entwicklungsnationalparken gibt es darum in Flora und Fauna kurz- und mittelfristig eher extreme Ereignisse; ein Gleichgewicht wird sich erst nach etlichen Jahrzehnten einstellen.

In diversen anderen deutschen Entwicklungsnationalparken (Wattenmeer, Müritz, Hainich, Bayerischer Wald) wird nach wie vor gejagt, wenn diese unvollständige Quelle hier aktuell ist. Es wurden allerdings jagdfreie Zonen eingerichtet, die je nach Nationalpark <10% bis >50% der NP-Fläche einnehmen.

playjam

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Re: Enttäuschungen Nationalparkverwaltung Harz
« Antwort #86 am: Dezember 06, 2016, 12:20:44 Nachmittag »
Damit sich ein ausgewogener Bestand entwickelt, der auch für den Wald verträglich ist, [...]

Guter Wald den die Nationalparkverwaltung angepflanzt hat, oder böser Wald den die Nationalparkverwaltung durch den Borkenkäfer beseitigen läßt?  ;)

playjam

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Re: Enttäuschungen Nationalparkverwaltung Harz
« Antwort #87 am: Dezember 06, 2016, 12:24:55 Nachmittag »
[...] Es wurden allerdings jagdfreie Zonen eingerichtet, die je nach Nationalpark <10% bis >50% der NP-Fläche einnehmen.

Das entspricht der Forderung von Herrn Barth. Wenn diese jagdfreie Zonen dann noch die Städte umschliessen, hätten die Touristen keinen Kontakt mit der grausamen Jagd-Realität und schöne Tiere zum anschauen.